11/04/2010

1882-1946-2010 / Kibbuzim in Israel to escape anti-Semitism

Heid Ludger, Mit Marx in die Wüste, Die Zeit, 03/12/2009

 

Die berühmten israelischen Kibbuzim, bemerkte der Satiriker Ephraim Kishon einmal in den sechziger Jahren, »sind ein Unikum in der Geschichte: die einzigen landwirtschaftlichen Kollektive, die auf freiwilliger Basis errichtet wurden und die ohne Geheimpolizei, Schnellgerichte und Hinrichtungskommandos weiter bestehen. Die Sowjetunion hat gegen diese Provokation wiederholt Einspruch erhoben.« Kishons Scherz ist von der Realität lange schon überholt: Der Kibbuz hat den Sozialismus sowjetischer Prägung bereits um zwei Jahrzehnte überlebt, gleichwohl hat er sich von seinen ursprünglichen sozialistischen Ideen längst entfernt.

Kibbuzim sind, vereinfacht gesagt, genossenschaftliche Einrichtungen ohne Privateigentum und privatwirtschaftliche Tätigkeit, mit gemeinsamer Kasse, gemeinsamer Arbeit und Produktion sowie gemeinsamen Einrichtungen des Konsums und der Lebensführung. Die Kinder werden in Kinderhäusern erzogen. Die Verwaltung der Kibbuzim ist demokratisch, gewählte Ausschüsse sind fur die verschiedenen Belange verantwortlich: fur Wirtschaft und Finanzen, für die Arbeitsverteilung, der zumeist ein Rotationsprinzip zugrunde liegt, für Erziehung und Kulturelles. Regelmässige Versammlungen der Mitglieder entscheiden über alle wichtigen Fragen. Die Idee stammt aus einer Zeit, als in Europa, das gerade die Hochphase der Industrialisierung durchlief, viel über „Lebensreform“, über eine Erneuerung des Handwerks und der Landwirtschaft, über Schmiede und Scholle diskutiert wurde. So schien auch zu Beginn der zionistischen Bewegung das Leitbild vom kolonisierenden Bauern und handarbeitenden Juden auf: Auf dem 1. Zionistenkongress 1897 in Basel sprach Alterspräsident Karpel Lippe wortreich davon, »lebenskräftige, arbeitslustige junge Leute« nach Palästina »hinzubefördern«, die »durch Arbeit und Fleiss das verwüstete Land in ein Eden verwandeln« sollten. Von Genossenschaften war aber noch nicht die Rede. - In seiner programmatischen Schrift Altneuland avisierte Theodor Herzl, der Begründer des politischen Zionismus, 1902 ein Eldorado der Sozialreform, ein Projekt, von dem es hiess: »Wir sind kein Staat [...], wir sind einfach eine Genossenschaft, innerhalb deren es wieder eine Anzahl kleinerer Zweckgenossenschaften gibt.« Herzl entwarf eine Gesellschaftsordnung, die keine «eisernen Regeln, keine unbeugsamen Grundgesetze, überhaupt nichts Hartes, Steifes, Doktrinäres kennen sollte, vor allem «keine etablierte Herrschaftsordnung«. Die Zionisten, die Herzl im Auge hatte, sollten ein völlig neues Gemeinwesen schaffen, eine Gesellschaftsform zwischen Kapitalismus und Kommunismus, zwischen Individualismus und Kollektivismus.

Die erste, Alija (Aufstieg) genannte Einwanderung nach Palästina brachte von 1882 bis 1904 etwa 25 000 Juden ins Land. Die Pioniere stammten vorwiegend aus Russland, Rumänien und Galizien. Sic wollten nicht nur die zaristische Tyrannei hinter sich lassen und den immer wütender werdenden Pogrom-Antisemitismus, sondern zugleich die strengen, einschränkenden Religionsgesetze des Schtetl. Ein guter Schuss Abenteuerlust war wohl mit dabei. Dass man Arbeiter und Bauer werden wollte, war indes nicht zuletzt eine Reaktion auf Jahrhunderte des Ausschlusses der Juden von jeder landwirtschaftlichen und gewerblichen Betätigung in der europäischen Diaspora.

 

(...) Viele junge Deutsche ans der Bundesrepublik zieht es in die Kibbuzim

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Im Herbst 1914 wurde in Degania die erste Hochzeit gefeiert. Am 20. Mai 1915 bekam das junge Paar einen Sohn. Ein echter Kibbuznik, der den Namen Mosche erhielt. Sein Nachname: Dajan.

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Der Kibbuz war fur viele Flüchtlinge der dreissiger, vierziger Jahre ein erstes Zuhause nach der Zeit der Verfolgung. Die Mehrheit der Zuwanderer von damals, auch der späteren, betrachtete Palästina zunächst als Asyl und erst in zweiter Linie als Ort, an dem der zionistische Sozialismus aufgebaut werden sollte. Mitunter stiessen die Neueinwanderer auf Vorurteile der ansässigen jüdischen Bevölkerung, kreidete man ihnen doch an, »nur wegen Hitler« gekommen zu sein.

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Der Widerstand der Araber gegen ihre unwillkommenen Nachbarn wuchs. 1936 stand die jüdische Bevölkerung in den Städten vor einer Hungersnot, als die Araber die Verbindungen zwischen Stadt und Land unterbrochen hatten. Der Konflikt verschärfte sich. Die Juden bauten neue Siedlungen an strategischen Punkten, um die Strassen schützen zu können. Brachliegendes Land wurde besetzt. Bald schon, zu Beginn der vierziger Jahre, enrwickelte der Kibbuz einen besonderen Typus - die Wehrsiedlung. Mauern und Wachtturm dieser kleinen Festungen mussten in einem Tag errichtet sein, sodass man schon in der ersten Nacht imstande war, arabische Ûberfälle abzuwehren. Die Wehrsiedlungen trugen zur Militarisierung der Bewegung bei, ihre Mitglieder fôrderten die expansionistische nationale Siedlungspolitik. In den Kibbuzim lagerten die Waffen der Hagana, der Untergrundorganisation der palästinensischen Juden.                                         

Mit dem Einwanderungsstrom nach dem Krieg erreichte die Bewegung ihren Höhepunkt. Monat um Monat entstanden neue Siedlungen. In der «Opera­tion Negev« 1946 wurden an einem Tag elf Kibbuzim im wüstenreichen Süden des Landes gegründet, der kaum besiedelt war. In solchen »Operationen« legte man die Grenzen des werdenden Staates fest.

Das Alltagsleben spiegelte die unterschiedlichen Mentalitäten und kulturellen Temperamente wider: Man pflückte Oliven und stritt dabei über Tolstoj und Bakunin, über Gustav Landauers Sozialismus und las ewige Spannungsverhaltnis zwischen Gleichheit und Freiheit. Man sortierte Eier im Hühnerstall und überlegte, wie den alten Festen Israels ihr bäuerlicher Charakter wiedergegeben werden könnte. Beim Schneiden der Rebstöcke diskutierte man die moder­ne Kunst. So jedenfalls erinnert sich der Schriftsteller Amos Oz in seinem autobiografischen Roman Eine Geschichte von Liebe und Finsternis an seine Kibbuzjahre in den späten Fünfzigern, als man die Gemeinschaften auch im Ausland gern als »sozialistische Oasen in rauher kapitalistischer Welt« verklärte.

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Trotz dieser Umbrüche geht es weiter. Heute gibt es über 270 Kibbuzim unterschiedlicher Grösse in Israel, mit jeweils 200 bis 2000 Mitgliedern. Insgesamt leben etwa drei Prozent der Gesamtbevölkerung in den Kollektiven.

 

 

 

14:08 Écrit par justitia & veritas dans Général | Lien permanent | Commentaires (0) |  Facebook |

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